11 July 2015

Hanoi und ich - eine innige Freundschaft

Hanoi…

Deine Straßen sind wuselig und voller Leben, deine Märkte quirlig und deine Hupkonzerte ohrenbetäubend.

Dein Verkehr flößt vielen Touristen so viel Furcht ein, dass es ihnen den Angstschweiß kalt das Gesicht hinunterlaufen lässt.

Deine Menschen können durch ihre ungewöhnliche Ehrlichkeit manchmal etwas rau und fast unfreundlich wirken.

Und doch begegnete ich nie herzlicheren Menschen als in dir, Hanoi.

Hanoi…

Als Stadt bist du so dynamisch, das einem eine Woche Abwesenheit vorkommt, als hätte man ein ganzes Jahr verpasst.

Du bist eine Stadt, in der Arm und Reich eng zusammen leben und doch weit voneinander getrennt sind.

Eine Stadt, voll mit Träumen und Wünschen. Dein Flair zwingt jeden, der sich hier länger aufhält, seinen Träumen nachzugehen.

Hanoi… du Herz Vietnams.

Du bist viel mehr als nur eine Stadt für mich.

Du bist Teil von mir und hast jetzt schon einen festen Platz in meinem Herzen gewonnen.

Warum ich so für Hanoi empfinde?

Mit dieser Freundschaftserklärung an Hà Nội möchte ich dich ein Stück in die Stadt mitnehmen, die ich nun mein Zuhause nenne.

Seit September 2014 lebe ich nun schon in Hanoi.

Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht.

Geplant war nur ein Aufenthalt von 6 Monaten. Danach sollte es wieder nach Deutschland gehen, zurück ins Studium. Aus den 6 wurden 12 Monate.

Doch gehen? Gehen kann ich im Moment einfach nicht. Zu vieles ist hier, dass ich noch sehen möchte. Zu vieles, das mich hier hält. Und so vieles, das ich noch nicht verstehe…

In kaum einer Stadt habe ich bislang so viele Menschen auf der Straße getroffen, die mein Leben jeden Tag bereichern.

Dabei kenne ich die meisten gar nicht…

Die Menschen Hanois

Zentrale “Party-Meile” des Old Quarters. Foto: Wei XiaoZentrale “Party-Meile” des Old Quarters. Foto: Wei Xiao

Unter den Vietnamesen gelten die Menschen der Hauptstadt als etwas zurückhaltender, nicht ganz so offen wie im Süden.

Auch spielen traditionelle Werte hier eine größere Rolle, sagt man.

Die Einheit der Familie und die spirituellen Elemente des Lebens schimmern trotz des schnellen Lebens des Kapitalismus immer wieder durch. Vom Kommunismus spüre ich nebenbei nur wenig…

Es sind vor allem die Momente mit den Bewohnern Hanois, die mich diese Stadt so lieben lassen.

Wenn ich beim Laden nebenan eine Kleinigkeit kaufe, ist immer ein wenig Smalltalk damit verbunden.

Geht’s dir gut, Minh?” Hast du schon zu Mittag gegessen?” fragt man mich oft. Stehen Fremde dabei, läuft die Begegnung nicht selten ohne ein halb im Scherz gemeintes Angebot, eine ihrer Töchter heiraten zu können.

Sollte Tee oder Schnaps in der Nähe sein, darf ich mich nicht zu lange dort aufhalten. Ansonsten wird schnell eine Einladung ausgesprochen. Da kommt man nur schwer wieder raus, ohne unhöflich zu erscheinen.

Was mich aber am meisten in den Bann zieht, sind die kleinen Momente, in denen ich ein herzliches Lächeln bekomme. Nicht nur irgendein Lächeln, sondern die Sorte, die dein Herz erwärmt und deinen Tag zum Besten überhaupt macht.

Es kann die Marktverkäuferin sein, an der ich gerade nur vorbeifahre. Ein kleines Kind, das sich scheinbar darüber freut, dich zu sehen. Ein flüchtiger Blick reicht oft und schon lächelt jemand.

Das Essen, ein Traum der nie zu Ende geht

Als ich noch in Deutschland wohnte, fand ich vieles von dem, was man so essen konnte langweilig. Irgendwie fehlte da immer was.

Das soll jetzt nicht heißen, dass deutsches Essen schlecht ist. Ist es nicht… nur manchmal ein wenig fade im Vergleich zum vietnamesischen.

Ich esse viel Streetfood und habe mittlerweile meine Stammläden“. Eigentlich sind’s ja nur kleine Gassen oder Bürgersteige mit Plastikhockern.

Aber das Essen ist wie von Großmuttern. Zubereitet mit ganz vielen leckeren Zutaten und einem Aroma, dass viele deiner Geschmacksnerven gleichzeitig anspricht. Ganz besonders jedoch: Alles wird von Hand gemacht, mit viel Liebe zum Detail.

Du bekommst hier auch standardisiertes Essen aus der Fabrik. Aber Fertiggerichte und eine Küche, in der nur Convenience Food zubereitet wird, gibt es hier selten. Ob das Bành Mì an der nächsten Ecke, leckeres Bánh Đa bei meiner Lieblingsomi oder einfach nur Cơm — alles schmeckt und ist preiswert.

Nur das Rätsel um die schlanke Figur der meisten Vietnamesen konnte ich dabei noch nicht lösen. Zu verlockend waren die Speisen bislang. [Edit 03.01.2019] De facto habe ich in den letzten vier Jahren mindestens 10 Kilo zugenommen… War wohl ein bisschen viel Essen…

10 Monate. Das meiste ist doch alltäglich oder?

Von wegen.

Hanoi ist ungefähr so wie der Verkehr in dieser Stadt — unberechenbar.

Jeden Moment kann eine neue Überraschung auf dich warten. Jemand erzählt dir von einer Kunstausstellung oder einem Underground-Club und ehe du dich versiehst, lernst du eine völlig neue Seite der Hauptstadt kennen.

Manchmal reicht schon der Blick in eine neue Nebenstraße und du entdeckst Dinge, von denen du nicht einmal erwartest hättest, dass es sie hier überhaupt gibt.

Und, obwohl ich hier bereits meinen Alltag gefunden habe, vergeht kaum ein Tag an dem ich nichts dazu lerne.

Natürlich verbessere ich auch mein Vietnamesisch, aber das meine ich gar nicht. Ich meine vor allem die vielen kleinen Facetten des Lebens hier. Hier und da erlerne ich immer wieder weitere Teile der Umgangsformen und verstehe mehr Zusammenhänge, als am Tag zuvor.

So setzt sich Stück für Stück eine Art Puzzle zusammen. Das Gesamtbild? Mehr von den Menschen hier verstehen; mich ihnen näher fühlen.

Ob ich das irgendwann erreiche?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Für besonders wahrscheinlich halte ich es nicht, immerhin verstehe ich auch die Deutschen“ nicht immer.

Ein widersprüchlicher Ort, das Ho Chi Minh Mausoleum: Touristenattraktion und Ort der Ruhe. Foto: Wei XiaoEin widersprüchlicher Ort, das Ho Chi Minh Mausoleum: Touristenattraktion und Ort der Ruhe. Foto: Wei Xiao

Eine Stadt mit Ecken und Kanten

Doch ist Hanoi jetzt die Traumstadt für jedermann?

Keinesfalls. Die Stadt hat mehr Ecken und Kanten als manchem vielleicht angenehm ist.

Die vielen Motorräder und Autos verschmutzen die Luft. Du kannst es spüren, wenn du mitten in der Rush-Hour auf der Straße unterwegs bist.

Die Menschen sind manchmal auch zu ehrlich, so dass es einem fast hart und rau vorkommt. Damit muss man klarkommen.

Die Bewohner Hanois machen auch nicht alles so, wie man es im ersten Moment erwarten würde. Flexibilität im Denken und Handeln ist eine Eigenschaft, die du hier brauchst.

Und dann sind da noch ganz oberflächliche Dinge. Ich kann das Wasser aus dem Wasserhahn nicht trinken und habe kaum Bäume um mich herum. Große Grünflächen sieht man außerhalb der Parkanlagen auch nicht allzu häufig.

Hanoi - eine Herausforderung, der ich mich weiter stellen möchte

Vielleicht sind es gerade die schwierigen Seiten, die mich hier halten. Ich mag Herausforderungen.

Hanoi fordert mich manchmal sehr heraus und doch ist das Leben hier sehr einfach und unkompliziert.

Diese Stadt bietet mir Spielraum, mich und meine Persönlichkeit frei zu entfalten. Ich kam praktisch als unbeschriebenes Blatt, herausgerissen aus dem Buch der europäischen Kultur.

Nun habe ich die Gelegenheit, dieses leere Blatt neu zu beschreiben. Es bleibt ein europäisches Blatt, einfach mein Ich, aber geschrieben wird nun auf Vietnamesisch.

Die Geschichten die dabei entstehen, gefallen sicher nicht jedem. Ich jedoch, ich lebe davon mich ständig neu zu erfinden.

Hanoi mit seiner Vielseitigkeit und seinen widersprüchlichen Eigenschaften sorgt dafür, dass ich mich bestens entwickeln kann.

Und dafür danke ich dir, Hanoi. Dir und deinen Menschen. Dafür, dass du mir jeden Tag etwas Neues beibringst. Mich an dir reiben lässt und mich dazu zwingst, immer wieder über meinen Schatten zu springen.

Danke, Hanoi!

In tiefer Freundschaft, dein Etienne


Hinweis: Dieser Beitrag ist am 11.07.2015 zuerst auf VietmoK, meinem alten Vietnam-Blog, erschienen. Weil er einer der meistgelesenen Beiträge war, habe ich mich dazu entschieden, ihn auf diesem Blog zu re-posten”.


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